11. August 2020

Warum Hexen niedrig fliegen

Vorsicht: Hexen im Tiefflug? - An der Autobahn 36 im Harzkreis begegnen dem Autofahrer am Fahrbahnrand seltsame Gestalten. Sie dienen als Lockmittel, um unbedarfte Reisende vom Weg abzubringen. Doch keine Angst, hier führt niemand Böses im Schilde. Die Touristischen Unterrichtungstafeln, so die offizielle Bezeichnung der braunen Schilder am Fahrbahnrand, sind eine wichtige Informationsquelle, die von vielen genutzt wird.

Sven Groß, Professor für das Management von Verkehrsträgern an der Hochschule Harz, hat die Anzahl in den einzelnen Bundesländern erfasst und ihre Wirkungen untersucht. Immer wieder hätten Journalisten und Verbände die Frage nach Sinn und Nutzen dieser Beschilderung gestellt. „Keiner konnte genau sagen, was sie bringen“, beschreibt er die Motivation, sich mit dem Thema zu befassen. Also nahm er Wahrnehmung und Effekte wie das Entscheidungsverhalten wissenschaftlich unter die Lupe.

Der Harz ist natürlich nicht die erste und nicht die einzige Region, die auf diese Art von Außenwerbung setzt. Hinweistafeln auf touristische Ziele stehen an Deutschlands Fernstraßen schon seit den 1950-er Jahren. In den 1980-er Jahren wurde ihr jetziges Erscheinungsbild amtlich festgeschrieben und ist in der Richtlinie für die wegweisende Beschilderung auf Autobahnen (RWBA) definiert. Rund 3500 gibt es heute davon bundesweit.

„Sie sind sehr unterschiedlich verteilt“, nennt Groß ein Ergebnis seiner Forschung. Während im Bundesland Berlin nur ein einziges Schild zu finden ist, sind es im Freistaat Bayern mehr als 800 solcher Tafeln. Selbst größenbereinigt sei das überdurchschnittlich viel. Auch die anderen beiden Stadtstaaten stellen die Hauptstadt in den Schatten. Hamburg hat drei, das kleine Bremen sogar acht dieser Schilder. In Niedersachsen weisen 274 und in Sachsen-Anhalt 149 Tafeln an den Autobahnen auf touristische Ziele hin.

Wer von Niedersachsen kommend auf der A2 nach Sachsen-Anhalt fährt, wird bei Marienborn als Erstes mit dem Hinweis auf die ehemalige innerdeutsche Grenze konfrontiert. Dort lädt die Gedenkstätte Deutsche Teilung zu einem Besuch ein. Meist haben die Motive jedoch einen fröhlicheren Hintergrund. So wie im Harz, wo die Hexe und der Brocken als verbindendes Symbol der Tourismusregion fungieren und daher auf vielen Schildern zu finden ist. Nicht immer sind es Regionen (Magdeburger Börde, A2), Sehenswürdigkeiten (Schloss Hundisburg, A2) oder andere klassische touristische Ziele (Burg Querfurt, A38), die so auf sich aufmerksam machen. An A36 und A38 weisen beispielsweise die Harzer Schmalspurbahnen auf ihr Unternehmen hin. An der A39 wirbt VW für seine Autostadt.

Es scheint zu funktionieren. Knapp 17 Prozent der 1100 von Groß für seine Studie Befragten gaben an, aufgrund einer solchen Hinweistafel schon mal spontan die Autobahn verlassen zu haben. Zwei Drittel erklärten, sich an solche Tafeln erinnern zu können. Bei einem Drittel weckten sie die Neugier, das dargestellte Ziel später einmal zu besuchen. Jeder Fünfte sieht die Schilder ausdrücklich positiv, findet sie interessant, hält sie für eine gute Idee und hilfreich. Es gebe sogar Leute, die es sich zum Hobby gemacht haben, alle Schilder aufzulisten, um gezielt ein touristisches Ziel nach dem anderen anzusteuern, hat der Professor am Rande seiner Forschungen von einer Art motorisierter Schnitzeljagd erfahren. Nur sechs Prozent der Befragten verbanden mit den Tafeln negative Gedanken und sie bezweifelten den Sinn beziehungsweise kritisierten die damit verbundenen Kosten.

Die werden übrigens vom jeweiligen Auftraggeber getragen, also in der Regel Tourismusverband, Kommune oder Unternehmen. Insgesamt müssen, laut Groß, jeweils zwischen 8 000 und 15 000 Euro aufgewendet werden. In der Straßenverkehrsordnung sind die technischen Details, der als Zeichen 386.3 geführten Touristischen Hinweistafeln festgelegt. Maximal zwei davon sollten zwischen zwei Anschlussstellen stehen. Eine Ausnahme macht Sachsen, da können es bis zu vier sein. Die dargestellte Sehenswürdigkeit soll maximal zehn Kilometer Luftlinie entfernt sein. Über die Genehmigung entscheidet die jeweilige Verkehrsbehörde.

„Die touristischen Hinweistafeln bringen etwas“, bringt der Wissenschaftler das Ergebnis seiner Studie auf den Punkt. Unklar sei allerdings noch, wer genau und in welcher Form davon profitiert. Dazu würde er gern weiter forschen und zum Beispiel per App, die sich Autofahrer runterladen können, die konkrete Wirkung ermitteln.

Text: Christian Wohlt

Bilder Börde, Hundisburg und Marienborn: © www.schilder-versand.com

Weitere Bilder: © Christian Wohlt