2. März 2021

Detlef Semerau: Der ehrenamtliche Impfbus-Fahrer aus Wolfsburg

Detlef Semerau vor seinem "Helfi"-Bus

Die Tür geht auf und er geht los. In seiner Hand ein Strauß Tulpen. „Hier, für Sie!“, sagt Detlef Semerau. Die Empfänger der Blumen, zwei ihm völlig unbekannte Senioren, die gerade das Wolfsburger Impfzentrum verlassen, wirken zunächst verwirrt, doch Semerau lässt hier erst gar keine seltsame Stimmung aufkommen. Eigentlich wartet der Impfbus-Fahrer auf seine Passagierin. Doch wenn er anderen eine Freude machen kann, lässt er solche Gelegenheiten selten aus. Also schnell die Schiebetür des Bullis aufgeschoben und in den gesponsorten Eimer voller Tulpensträuße gegriffen. Ohne Berührungsängste übergibt er die Blumen, und so wird aus der anfänglichen Verwirrung schnell große Freude über das Geschenk des Unbekannten. „Wieder zwei Sträuße weniger“, sagt der Spender pragmatisch.

Helfen, so scheint es, ist alles, was der 70-jährige Wolfsburger machen möchte. Dass wir uns mitten in einer Pandemie befinden, merkt man dem Mann mit grauem Haar und grauem Schnauzer nicht an. Einzig seine unter das Kinn geschobene Maske verrät die Umstände des Treffens. In seinem Alter zählt Semerau selbst zur Risiko-Gruppe, doch anstatt sich zuhause einzuigeln und Kontakte zu meiden, fährt er los. Immer und immer wieder. Mit seinem VW Bus transportiert Detlef Semerau ehrenamtlich und kostenlos Wolfsburger Senioren zum Impfzentrum. Warum? „Ich fühle mich immer wohl zwischen Menschen, denen es auch gut geht. Wenn ich bei anderen Menschen was Negatives sehe, versuche ich das zu beseitigen, sodass es denen dann auch gut geht. Das ist so. Das ist meine Mentalität."

Detlef Semrau begrüßt seine Passagierin

An diesem Donnerstag stehen drei Touren auf seinem Tagesplan. Um 16 Uhr startet die letzte. Die 83-jährige Hildegard Klöting wird eingesammelt. „Als ich den Termin bekommen habe, habe ich mich riesig gefreut“, sagt die Mitbegründerin des Vereins „Helfi 55+- e.V.“, der die Touren zum Wolfsburger Impfzentrum organisiert. Wirklich aktiv ist in dem Verein aber nur einer und der sitzt am Steuer. „Das war von Anfang an meine Idee“, sagt Semerau, der den Verein im November 2019 gründete und seitdem Vorsitzender ist. „Wir wollen vereinsamten Menschen helfen“, beschreibt Semerau die Intention dahinter. Ursprünglich organisierte der 70-Jährige Ausflüge mit dem Bus. Da das momentan nicht geht, hilft er eben beim Transport zum Impfzentrum.

Wendepunkt Schlaganfall

Erzählen kann er viel. Und man merkt, dass er das auch gerne macht. „Klar quatsche ich viel, aber ich pack auch an. Ich mache was, das ist wichtig. Und diese Leute haben es verdient, die haben Deutschland hochgebracht, einen Krieg erlebt.“
Davon wurde Semerau selbst zwar verschont, doch auch er musste in seinem Leben bereits kämpfen - gegen sich selbst. „Ich wollte mich umbringen“, sagt er trocken. Kurz vor seinem 60. Geburtstag erlitt Semerau einen Schlaganfall, verbachte anschließend einige Wochen in psychiatrischer Betreuung. Er gewann den Kampf gegen sich selbst, bekam Erwerbsunfähigkeitsrente und seine Lebenslust kehrte zurück.
Mit seinem Bulli wollte er verreisen – am liebsten in Deutschland. Früher war er oft im Ausland. „Als ich das erste Mal auf Kreta war und aus dem Flugzeug ausstieg, hatte ich’s sofort mit den Bronchien. Ich will das gar nicht mehr“, sagt er heute. Dass Semerau nicht klagt, sondern in allen Dingen versucht, das Positive zu sehen, merkt man in fast jedem Satz. „Durch die Corona-Zeit ist das so schön geworden, dass man hier in Deutschland reist“, sagt er.

Am Impfzentrum angekommen, holt er schnell Hildegard Klötings Rollator aus dem Kofferraum und hilft der Dame beim Aussteigen. Eine halbe Stunde später ist der Piks gesetzt und es geht wieder nach Hause. Zum Abschied überreicht Detlef Semerau auch ihr zwei üppige Sträuße Tulpen, gesponsort vom Eickenhofer Spargelreich. „Wieder zwei weniger“, sagt Semerau und fährt nach Hause. Für heute ist Feierabend.